• Johanna Rossmanith

Kennst du deine Bedürfnisse?

Aktualisiert: Sept 12


Wir haben uns in letzter Zeit vermehrt damit auseinandergesetzt, welche Relationen zwischen unseren Bedürfnissen, den daraus resultierenden Emotionen und Vorgängen unserer Botenstoffe im Körper vorherrschen. Werfen wir einen Blick auf unsere primären Emotionen* wie Angst, Trauer, Wut, Freude, Stolz, Neugier, stellt sich für uns die Frage, wie man als Trainer & Coach ‚richtig‘ damit umgehen kann und sollte. Welche positiven Emotionen können in einer Zusammenarbeit mit einem Kunden oder Klienten gefördert werden, welche negativen Emotionen lassen sich ‚lösen‘ durch gezieltes Aufdecken dahinterliegender Ursachen?

Welchen Effekt kann die Nichterfüllung von Bedürfnissen auf unseren Körper haben?

Im stressigen Alltag, in dem wir funktionieren müssen, kommt es oft vor, dass wir tieferliegende Ängste wie Versagens- oder Existenzängste, Trauer oder Wut verdrängen, statt diesen Emotionen auf den Grund zu gehen und unser damit verbundenes unerfülltes Bedürfnis zu erkennen. Was passiert? Mit der Zeit fühlen wir keine akute Angst, Trauer oder Wut mehr, jedoch macht sich ein ‚Unwohlsein‘ breit, unser Körper befindet sich im ‚Dauerstress‘, möglicherweise bekommen wir Magen- oder Kopfschmerzen, Herzrasen, der Blutdruck steigt. Eventuell haben wir sogar Heißhungerattacken und beginnen zu kompensieren.

Betrachten wir zunächst die möglichen ‚sichtbaren‘ Auswirkungen von Dauerstress isoliert: ‚Eigentlich bin ich ganz zufrieden, bis auf die Speckpölsterchen – gerade am Bauch. Meinst du, das bekommen wir hin?‘ – Klassischerweise eine isoliert betrachtete Zielvorgabe im Training, die zunächst recht einfach und eindeutig klingt. Geht es um körperliche Veränderungswünsche bewirken oft kleine, aber zielgerichtete Anpassungen bereits große Veränderungen. Andererseits können wir manchmal ‚alles probieren‘ und ‚nichts tut sich‘. Beschriebene Beobachtungen sind nur logisch, beherzigen wir, dass in unserem Körper ein Rädchen ins andere greift und vielfältige, komplexe Zusammenhänge und Interdependenzen bestehen. Wir schichten also nicht eben mal (ein paar Speckpölsterchen) von A nach B. Eine Antwort auf die oben gestellte Frage müsste folglich lauten: ‚Wir können den Speckpölsterchen mit Training und der richtigen Ernährung sicherlich den Kampf ansagen, doch erfahrungsgemäß ist ein Blick über den Tellerrand notwendig.‘

Was wir tun und wie wir uns im Allgemeinen fühlen beeinflusst unsere Gesundheit und unseren Hormonhaushalt ebenso stark wie was wir essen bzw. konsumieren.

Ich bin letztens über ein interessantes und sehr treffendes Schaubild gestolpert, das ich euch im Folgenden gerne erläutern möchte, da es sehr gut visualisiert, wo Training & Coaching ansetzen und welche Bedürfnisse dadurch im besten Fall erfüllt werden können. Die Darstellung des so genannten ‚Motivkompass‘ nach Dirk W. Eilert stellt die Zusammenhänge unserer Motive, Emotionen und Botenstoffe dar. Konzentriert wird sich auf Cortisol, Testosteron, Oxytocin und den Neurotransmitter Dopamin, Hormone bzw. Neurotransmitter**, die bei den hier benannten Grundmotiven wichtige Rollen einnehmen.

Darstellung in Anlehnung an ‚Grundmotive, Emotionen und Botenstoffe. Motivkompass nach Dirk W. Eilert.

Was versteht man unter Motiven?

Ein ‚Motiv‘ steuert unser Verhalten und treibt uns an. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen: „Movere“ heißt „bewegen“. 

Ein Motiv wird angeregt, sobald der Ist-Zustand von einem Soll-Zustand abweicht.

Anders formuliert, ein Motiv wird angeregt, wenn ein Bedürfnis befriedigt und ein Ziel erreicht werden soll. Nehmen wir zum Beispiel bewusst wahr, dass wir uns einsam fühlen, ist dem Modell zufolge unser Bedürfnis nach Harmonie & Geborgenheit nicht erfüllt. Unsere Motivation, Menschen zu kontaktieren, bei denen wir uns wohlfühlen, wird steigen, unser ‚Bindungsmotiv‘ wird aktiv und wir setzen uns in Bewegung, um unser Bedürfnis zu erfüllen. Einem Motiv können durchaus ein oder mehrere Bedürfnisse zugrunde liegen. Unsere Motive bilden sich vor allem durch persönliche Erfahrungen, die wir gesammelt haben, weshalb jeder seinen eigenen ‚Motivkompass‘ hat, der unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Der eine strebt nach Harmonie, der andere nach Einfluss, Freiheit, Selbstverwirklichung. Die hier benannten Kategorien (Inspiration & Leichtigkeit, Harmonie & Geborgenheit, Durchsetzung & Einfluss und Ordnung & Stabilität) sind jene, mit denen sich den Studien zufolge die allermeisten von uns identifizieren können und nach denen wir streben. „Eine dauerhafte Verletzung oder Nichtbefriedigung eines oder mehrere dieser Grundmotive führt dazu, dass unsere psychische Gesundheit und unser Wohlbefinden leiden.“ Und ergänzend: In einer Folge der Beeinträchtigung unserer psychischen kann demnach auch unsere physische Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen werden.

Welcher Zusammenhang existiert zwischen Botenstoff, Emotion und Bedürfnis?


Cortisol – Das Stresshormon.

Gesunder Stress ist zunächst positiv, denn er führt dazu, dass wir überhaupt aufstehen können und handlungsfähig sind. Wie im Vorangegangenen bereits erläutert, wird Dauerstress jedoch zum Problem. Wird beispielsweise unser Bedürfnis nach Ordnung & Stabilität verletzt, empfinden wir einen Kontrollverlust und das Stresshormon Cortisol in unserer Blutbahn steigt an. Und da, wo Cortisol kurzfristig Energie freisetzt und uns auf Hochtouren arbeiten lässt, geht ein chronisch erhöhtes Stresslevel an die Substanz. Und um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Auch, wo unser Körper primär seine Fettpölsterchen einlagert, ist kein Zufall, sondern wird stark vom Hormonhaushalt beeinflusst. Die Bauchregion ist also vornehmlich bei dauerhaft Gestressten ein Thema. Und Cortisol ist das Hormon, das damit korreliert.***


Testosteron – Das Sexualhormon.

Testosteron ist mitverantwortlich dafür, dass unser Bedürfnis nach Durchsetzung & Einfluss erfüllt sein will. Hier geht es im Kern „um das Erleben von Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung und einem positiven Selbstwert – der zentralen Säule unseres Wohlbefindens und unserer Gesundheit.“


Oxytocin – Das „Kuschelhormon“. Der Neurotransmitter für Empathie.

Oxytocin ist Neurotransmitter und Hormon zugleich. Es verringert die Ausschüttung von Cortisol und reduziert dadurch unseren Stress. Oxytocin beeinflusst zudem jegliche Art sozialer Interaktionen. Hinter unserem Bedürfnis nach Harmonie & Geborgenheit steht wie bereits beschrieben das ‚Bindungsmotiv‘, welches durch Oxytocin genährt wird. „Wird dieses Grundmotiv verletzt, spüren wir insbesondere Trauer, wird es erfüllt, fühlen wir Liebe (…).“


Dopamin – Der Neurotransmitter für Erfolg.

Die wichtigste Rolle in unserem Streben nach Inspiration & Leichtigkeit spielt Dopamin. Ist dieses Grundmotiv erfüllt, sind wir zufrieden. Dieses Grundmotiv aktiviert unser Bedürfnis nach „Spaß, Lust und Freude“. „Auf neuronaler Ebene wird es durch das mesolimbische System abgebildet, unser Belohnungsnetzwerk im Gehirn.“ Dopamin gibt uns Antrieb und ist mitverantwortlich für unseren Tatendrang und das Bestreben, Ziele zu erreichen, der daraus resultierende Erfolg macht uns glücklich und motiviert uns wiederum, weiterzumachen oder Neues zu versuchen, uns im wortwörtlichen Sinne immer wieder inspirieren zu lassen und Dinge gelassener zu nehmen.

Unsere vielschichtigen Emotionen sind wichtige Indikatoren, die uns zeigen können, „in welchen Grundmotivfeldern emotionale Blockaden vorliegen“.

Ziel eines jeden ganzheitlichen Trainings- und Coachingansatzes sollte es meiner Meinung nach sein, solchen Blockaden auf den Grund zu gehen. Zu oft sind wir der Überzeugung, dass es besser für uns und andere sei, Emotionen nicht zuzulassen. Stark sein, mit Stolz und Tapferkeit durchs Leben gehen zu müssen, sich keine Ängste einzugestehen oder uns keine Ruhe gönnen zu dürfen. Wir halten an Glaubenssätzen fest, reagieren passiv statt aktiv zu agieren und stehen damit unserer Bedürfnisbefriedigung oft selbst im Wege, indem wir verdrängen, ausharren, Probleme isoliert betrachten.

Wollten wir nun im Einzelfall den Ursprung der ‚Speckpölsterchen‘ herausarbeiten, müssten vielfältige Faktoren als Ursache beleuchtet werden.****

Wie kann Training & Coaching zur Bedürfnisbefriedigung beitragen?

Um unser allgemeines Wohlbefinden, unseren körperlichen wie mentalen Zustand, positiv zu beeinflussen, sollten wir genau herausfinden, wie wir ticken – Was macht mich ärgerlich, was ängstlich, was ekelt mich gar an? Wir sollten unsere Bedürfnisse kennen, die gestillt werden wollen – Fehlt mir gerade Struktur? Ein neues Ziel? Eine neue Herausforderung? Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir unseren Hormonhaushalt verstehen und die richtigen Schlüsse aus etwaigem Unwohlsein ziehen.

Ein Coaching kann Klarheit schaffen, indem die individuellen Themen zu Papier gebracht und greifbar gemacht werden. Klarheit ist eine Grundvoraussetzung für Ordnung & Stabilität, Klarheit kann auch neuen Schwung in unsere Routinen bringen, es wirkt entlastend, wenn ich weiß, was ich will und brauche. Ziel eines Coachings kann demzufolge sein, meine Bedürfnisse herauszuarbeiten und Strategien zu entwickeln, wie ich diese erreichen kann. Denn stillen wir beispielsweise unser Bedürfnis nach Ordnung & Stabilität lässt der Kontrollverlust nach, Unsicherheit und Stress werden reduziert, Entspannung und innere Ruhe treten ein.

Auf der anderen Seite kann auch regelmäßiges Training, bei dem wir aus gutem Grund einen klaren Fokus auf abwechslungsreiche und überraschende Einheiten legen, unsere Emotionen wie Freude und Interesse an Neuem entfachen. Empfinden wir beim Training Langeweile, kann das zu Frustration führen, unser Grundbedürfnis nach Inspiration & Leichtigkeit bleibt in diesem Fall ein unerfülltes. Die Motivation uns ‚in Bewegung‘ zu setzen, körperlich zu betätigen, lässt grüßen. Eine Folge, die wahrscheinlich vielen bekannt ist: Unlust, Überwindung, Stress. Statt Dopamin, Oxytocin oder Testosteron anzukurbeln, wird erneut Cortisol aktiv.

Das funktionale Zusammenspiel in unserem Körper ist komplex genug, beziehen wir nun noch emotionale Aspekte mit ein, wird es mitunter noch komplexer – und gleichzeitig immer einfacher. Denn nur, wenn wir all jene Botenstoffe, Emotionen und Bedürfnisse isoliert betrachten, landen wir immer wieder in einer Sackgasse. Betrachtet man die Dinge aber allumfassend und in ihrer gesamten Komplexität werden wir manchmal ganz schön doof gucken, wie leicht es doch sein kann, sich besser zu fühlen.


*Es ist durchaus undurchsichtig, wie viele Primär- oder Basisemotionen es tatsächlich gibt. In manchen Studien ist von sechs, in anderen von sieben oder 12 die Rede. Die sechs, bei denen sich scheinbar alle einig sind, lauten jedenfalls: Angst, Trauer, Wut/Ärger, Freude/Glück, Überraschung, Ekel. Ergänzt um Scham/Verlegenheit, Schuld, Liebe, Interesse/Neugier, Verachtung, Stolz. Zusätzliche Emotionen, die unserer Erfahrung nach vor allem in Training & Coaching von Bedeutung sind: Motivation, Frustration, Entlastung. (In Anlehnung an Birgit Brand-Hörsting, S.23)

**Hormone sind Botenstoffe, die über den Blutkreislauf die Körperzellen erreichen, Neurotransmitter übertragen im Gegensatz zu den Hormonen elektrische Signale zwischen Nervenenden.

***Eine intensivere Erläuterung zu einem optimalen Stress- und Blutzuckermanagement, wesentliche Aspekte rund um das Thema ‚Abnehmen‘ findet ihr im Beitrag ‚Was kann den Abnehmprozess verlangsamen?‘

****Lebensmittelunverträglichkeiten, unregelmäßige Mahlzeiten, extreme Fastenkuren, Schlafqualität, psychosoziale Faktoren, ständige Erreichbarkeit sind nur einige Beispiele, die bei einer umfassenden Anamnese berücksichtigt werden sollten.


Quellen:

  • Praxiskommunikation, Ausgabe 04/2019, S.8-12. Autoren: Dirk W. Eilert und Ruben Langwara.

  • Praxiskommunikation, Ausgabe 04/2019, S.23. Autorin: Birgit Brand-Hörsting.

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